Digital präsent, politisch zurückhaltend: Junge Menschen und soziale Medien im ländlichen Österreich
[For the English version please scroll down]
Dieser Beitrag basiert auf einer empirischen Untersuchung zu Sozialer-Mediennutzung, Jugendpartizipation und Leadership unter jungen Menschen in ländlichen und semi-ländlichen Regionen Österreichs. Die Analyse wurde im Rahmen des transnationalen projekts SMILE (Social Media Leadership Incubator for Danube Region) durchgeführt.
Die Datengrundlage umfasst quantitative Ergebnisse aus einer standardisierten Jugendbefragung von Ende 2025 mit ca. 100 Teilnehmenden im Alter von 14 bis 19 Jahren, ergänzt durch qualitative Leitfadeninterviews mit Expert:innen aus den Bereichen Jugendpolitik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Zusätzlich wurden bestehende nationale Studien, Policy-Dokumente und Statistiken ausgewertet. Das Ziel bestand darin, Nutzungsmuster, Wahrnehmungen und Kompetenzen im Umgang mit sozialen Medien sowie deren Zusammenhang mit gesellschaftlicher Beteiligung im ländlichen Kontext sichtbar zu machen.
Wie junge Menschen im ländlichen Österreich soziale Medien nutzen – und wofür (noch) nicht
Soziale Medien sind aus dem Alltag junger Menschen in Österreich nicht mehr wegzudenken. Plattformen wie WhatsApp, Instagram, TikTok und YouTube prägen Kommunikation, Unterhaltung und Informationsaufnahme – auch und gerade im ländlichen Raum. Die Nutzung ist dabei intensiv, überwiegend mobil und visuell geprägt; ein Großteil der Jugendlichen verbringt täglich mehrere Stunden auf sozialen Plattformen.
Gleichzeitig zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Trotz hoher digitaler Vernetzung bleibt die Nutzung sozialer Medien größtenteils privat und unpolitisch und ist nur selten auf gesellschaftliche oder öffentliche Teilhabe ausgerichtet.
Nutzung sozialer Medien unter Jugendlichen in Österreich: Ranking der Plattformen. Quelle: Jugend-Internet-Monitor 2025, Saferinternet.at.
Auffällig ist jedoch nicht die Nutzungsdauer, sondern der Zweck der Nutzung:
Soziale Medien dienen in erster Linie der privaten Kommunikation, der Unterhaltung und – in eingeschränkter Form – dem passiven Konsum von Informationen. Nur eine sehr kleine Minderheit nutzt diese Kanäle aktiv, um gesellschaftliche Anliegen sichtbar zu machen, sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen oder Themen jenseits des eigenen Freundeskreises zu adressieren.
Mit anderen Worten: Digital präsent heißt nicht automatisch öffentlich aktiv.
Ländlicher Raum: starkes soziales Engagement, schwache institutionelle Anbindung
Gerade im ländlichen Österreich ist soziales Engagement unter jungen Menschen weit verbreitet – allerdings meist in informeller Form. Hilfe für Nachbar:innen, Engagement in Vereinen, Feuerwehr, Landjugend oder lokale Initiativen gehören für viele zum Alltag. Diese Aktivitäten werden jedoch selten als „politische“ oder „zivilgesellschaftliche“ Beteiligung wahrgenommen.
Formale Beteiligungsstrukturen – Jugendräte, politische Gremien, institutionalisierte Mitbestimmung – bleiben für viele junge Menschen abstrakt, wenig sichtbar oder emotional distanziert. Politik wird häufig als etwas „von außen Kommendes“ erlebt, nicht als Teil des eigenen Handlungsspielraums.
Diese Diskrepanz ist zentral: Engagement ist vorhanden, wird aber nicht als Teilhabe gelesen.
Warum soziale Medien nur selten für gesellschaftliche Anliegen genutzt werden
Die vorliegenden Daten und Interviews deuten darauf hin, dass mehrere, miteinander verknüpfte Faktoren dazu beitragen, dass soziale Medien im ländlichen Raum vergleichsweise selten für öffentliche oder politische Anliegen genutzt werden:
Hohe soziale Nähe: In kleineren Gemeinden ist soziale Sichtbarkeit stärker ausgeprägt. Öffentliche Positionierungen in sozialen Medien werden daher häufig als mit erhöhten sozialen Risiken verbunden wahrgenommen.
Konfliktsensibilität: Öffentliche Meinungsäußerungen können – insbesondere in überschaubaren sozialen Kontexten – als potenziell belastend für persönliche Beziehungen eingeschätzt werden.
Zurückhaltung im Umgang mit Öffentlichkeit: Viele junge Menschen zeigen Unsicherheiten, sobald Engagement öffentlich, sichtbar oder mit möglicher Kritik verbunden ist, auch wenn grundsätzliches Interesse an gesellschaftlichen Themen vorhanden ist.
Kompetenzen: viel Nutzung, aber wenig strategisches Wissen
Die intensive Nutzung sozialer Medien bedeutet nicht automatisch hohe Kompetenz. Zwar schätzen viele Jugendliche ihre digitalen Fähigkeiten als überdurchschnittlich ein, doch zeigen Studien und Interviews deutliche Lücken:
Unsicherheiten beim Erkennen von Desinformation
Geringes Wissen über algorithmische Logiken
Kaum Erfahrung mit strategischer Kommunikation oder Kampagnenarbeit
Wenig Übung in öffentlichem Auftreten, Moderation oder Mobilisierung anderer
Sobald Engagement sichtbar, öffentlich oder konfliktträchtig wird, sinkt das Selbstvertrauen spürbar. Zwar zeigen viele junge Menschen Interesse an gesellschaftlicher Beteiligung und erkennen die Relevanz sozialer Medien für ihre zukünftige Rolle, fühlen sich aber nicht ausreichend vorbereitet oder unterstützt.
Dieses ambivalente Mittelfeld ist weder disengagiert noch hochaktiv. Es ist motiviert, aber vorsichtig. Gerade hier liegt großes Potenzial für langfristige Entwicklung, wenn passende, niedrigschwellige Zugänge geschaffen werden.
Was das über den ländlichen Raum in Österreich sagt
Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild:
Ländliche Jugendliche sind nicht apathisch, sondern gemeinschaftsorientiert.
Sie sind digital präsent, aber zurückhaltend in öffentlicher Sichtbarkeit.
Beteiligung findet jenseits klassischer politischer Kategorien statt.
Soziale Medien könnten dabei eine Brücke zwischen lokalem Engagement und breiterer gesellschaftlicher Sichtbarkeit sein. Dafür braucht es jedoch Vertrauen, Kompetenzen und Formate, die an die Lebensrealitäten junger Menschen anknüpfen – nicht an abstrakte Beteiligungsideale.
Schlussbemerkung
Die Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen im ländlichen Österreich sozial eingebunden, digital präsent und lokal engagiert sind – öffentliche oder politisch konnotierte Nutzungsformen sozialer Medien bleiben jedoch eher randständig.
Wie gesellschaftliche Beteiligung junger Menschen unter diesen Rahmenbedingungen künftig gedacht, unterstützt oder weiterentwickelt werden kann, bleibt eine offene Frage, an der unter anderem im Rahmen des Projekts SMILE weitergearbeitet wird. Die vorliegenden Befunde verstehen sich daher als Beitrag zur sachlichen Diskussion über Jugend, digitale Medien und Teilhabe im ländlichen Raum.
💬 Wir freuen uns über Anmerkungen, Einordnungen und weiterführende Perspektiven in den Kommentaren.
Digitally Present, Politically Cautious: Young People and Social Media in Rural Austria
This article is based on an empirical study on social media use, youth participation and leadership among young people in rural and semi-rural regions of Austria. The analysis was conducted within the framework of the transnational project SMILE (Social Media Leadership Incubator for the Danube Region).
The data set combines quantitative results from a standardised youth survey carried out at the end of 2025 with approximately 100 participants aged 14 to 19, supplemented by qualitative semi-structured interviews with experts from youth policy, public administration and civil society. In addition, existing national studies, policy documents and statistical data were reviewed. The aim was to identify patterns of use, perceptions and competencies related to social media, as well as their connection to social and civic participation in rural contexts.
How young people in rural Austria use social media – and what they (still) do not use it for
Social media has become an integral part of everyday life for young people in Austria. Platforms such as WhatsApp, Instagram, TikTok and YouTube shape communication, entertainment and information consumption – including, and especially, in rural areas. Usage is intensive, predominantly mobile and strongly visual; a large proportion of young people spend several hours a day on social media platforms.
At the same time, a striking contradiction emerges: despite high levels of digital connectivity, social media use remains largely private and non-political, and is only rarely oriented towards social or public participation.
Social media use among young people in Austria: ranking of platforms. Source: Youth Internet Monitor 2025, Saferinternet.at.
What stands out is not the amount of time spent online, but the purpose of use. Social media primarily serves private communication, entertainment and – to a limited extent – the passive consumption of information. Only a very small minority actively use these channels to make social issues visible, participate in public debates or address topics beyond their immediate circle of friends.
In other words, being digitally present does not automatically mean being publicly active.
Rural areas: strong social engagement, weak institutional connection
In rural Austria in particular, social engagement among young people is widespread – but usually takes informal forms. Helping neighbours, involvement in associations, volunteer fire brigades, rural youth organisations or local initiatives are part of everyday life for many. However, these activities are rarely perceived as “political” or “civic” participation.
Formal participation structures – such as youth councils, political bodies or institutionalised forms of co-determination – remain abstract, barely visible or emotionally distant for many young people. Politics is often experienced as something that comes “from the outside”, rather than as part of one’s own sphere of action.
This discrepancy is central: engagement exists, but is not recognised as participation.
Why social media is rarely used for social or civic causes
The available data and interviews suggest that several interrelated factors contribute to the comparatively low use of social media for public or political causes in rural areas:
High social proximity: In smaller communities, social visibility is more pronounced. Public positioning on social media is therefore often perceived as carrying increased social risks.
Sensitivity to conflict: Public expressions of opinion can be seen as potentially burdensome for personal relationships, especially in close-knit social environments.
Reluctance towards public exposure: Many young people express uncertainty when engagement becomes public, visible or potentially controversial, even when there is a general interest in social issues.
Skills: high usage, limited strategic knowledge
Intensive social media use does not automatically translate into high levels of competence. Although many young people rate their digital skills as above average, studies and interviews reveal clear gaps:
Uncertainty in identifying disinformation
Limited knowledge of algorithmic logics
Little experience with strategic communication or campaigning
Limited practice in public speaking, moderation or mobilising others
As soon as engagement becomes visible, public or conflict-prone, self-confidence tends to decline noticeably. While many young people show interest in social participation and recognise the relevance of social media for their future roles, they often do not feel sufficiently prepared or supported.
This ambivalent middle ground is neither disengaged nor highly active. It is motivated, but cautious. It is precisely here that significant potential for long-term development exists – provided that appropriate, low-threshold access points are created.
What this says about rural Austria
The findings paint a nuanced picture:
Young people in rural areas are not apathetic, but community-oriented.
They are digitally present, but cautious about public visibility.
Participation takes place beyond traditional political categories.
Social media could serve as a bridge between local engagement and broader social visibility. However, this requires trust, competencies and formats that are closely aligned with young people’s lived realities – rather than abstract ideals of participation.
Concluding remarks
The findings show that young people in rural Austria are socially embedded, digitally present and locally engaged – yet public or explicitly political forms of social media use remain marginal.
How social participation among young people can be conceptualised, supported or further developed under these conditions remains an open question, one that continues to be addressed within the framework of the SMILE project. The present findings are therefore intended as a contribution to an evidence-based discussion on youth, digital media and participation in rural contexts.
💬 We welcome comments, reflections and further perspectives in the discussion.

